• Blickwechsel mit Kerstin

Ein chaotisches Wanderwochenende voller Magie

Aktualisiert: 4. Nov.

Zwei Freundinnen unterwegs im ostbelgischen Nirgendwo: der wunderschönen Eifel



Alle Jahre wieder gönnen wir uns eine Auszeit!

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unterwegs im Nirgendwo

Ich liebe es, in die Energie dieser vergangenen Tage einzutauchen, mich treiben zu lassen, von den erholsamen Schritten. In Gedanken betrete ich den Wald wieder, erklimme die kleinen Hügel, entdecke verwunschene Feen unter den Pilzen und schmecke den Herbst auf meiner Zunge. Das satte Grün, das an manchen Orten in ein Blau überzugehen scheint, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Noch nie habe ich eine solche Farbe gesehen! Dieser Ton hat alles in seinen Bann gezogen und ließ jede andere Farbe erblassen. Schwierig es in Worte zu fassen, und noch schwieriger diese warme und zugleich kühle Farbe auf Fotos einzufangen. Es scheint, als ob es beinahe unter ihrer Würde sei, festgehalten zu werden. Möchte sie doch wirken, scheinen, sich zum Besten geben und gesehen ja gefühlt werden. Und das geht eben nur, wenn man mittendrin steht.



Mittendrin

Mittendrin! Ja, das waren Julie und ich wieder, mittendrin! Vorher, so schien es, nebenbei bemerkt wie jedes Jahr, hatten wir uns wieder einmal auf der Autobahn des Alltags verloren. Zu schnell fuhr unser Wagen, und wir waren wieder einmal ausgestiegen und vergessen worden. Müde erledigten wir im Chaos des Alltags einen To-Do Punkt nach dem anderen und fielen abends verloren gegangen ins Bett. Zwei Haushalte, zwei Menschen, zwei Leben, zwei Situationen und doch wieder einmal das gleiche Gefühl. Somit war klar, dieses Jahr stand Entspannung und sich selbst wiederfinden an oberster Stelle. Wir sind noch nie mit diesem Gedanken gestartet! Die ersten Jahre waren wir noch sehr egogeprägt und wollten Zahlen fangen: Kilometer, Stunden, Minuten und Sekunden. Schweiß sollte fließen, die Muskeln sich erschöpft bemerkbar machen. Auch das hat Spaß gemacht! Manchmal ist es schön auf eine nette Art seine geistigen und körperlichen Grenzen zu spüren, um sie dann doch noch ein bisschen auszureizen und zu erweitern! Doch dieses Jahr stand das nicht auf dem Programm. Ich meinerseits war noch etwas geschwächt von meiner Grippe, Julie müde von der Herausforderung ihres neuen Jobs.



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Seele BAUMeln lassen - müde vom Alltag

Und das Ziel?

Das Ziel war, klar: kein Ziel haben und keinen Plan. Wir wollten uns treiben lassen, und dann schauen, wo wir landen. Jeden Morgen schauen, was der Tag so bringt, und worauf wir Lust haben. Nach dem Aufstehen sich um das Frühstück kümmern, und während dem Frühstück den Finger auf die Landkarte halten. Von da aus eine Route anvisieren, die natürlich im Laufe des Tages auch wieder geändert werden darf. Zugegeben, manchmal hat auch der reine Zufall diese Route geändert, wenn wir uns wieder einmal verträumt vom Weg entfernt haben, ohne es zu merken…

Der wohl schönste Tag war der, an dem eigentlich gar nichts geklappt hat, und doch wiederum alles stimmte! Es war der dritte Tag von vieren. Am Tag zuvor waren wir mehrere Stunden durch prasselnden Regen gelaufen, und klatschnass wieder zu Hause angekommen. Wir hatten die Route somit auch spontan etwas abgekürzt, und den Nachmittag am offenen Kaminfeuer bei guter Lektüre und einem leckeren Wein genossen. Heute waren die Regenwolken wie weggeblasen und die warme Herbstsonne zeigte sich. Wir waren voller Vorfreude und Tatendrang. Die Endorphine der Euphorie machten sich im Blut breit und benebelten auch etwas unsere Sinne. So zumindest erkläre ich mir den Grund, warum wir uns den Ort, an dem wir unser Auto geparkt hatten, zwar merken wollten, aber irgendwie nicht merken konnten. Was wir natürlich zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten… Der nette alte Mann, neben dessen Haus wir in dem 5 Seelen Dorf in der tiefsten Eifel, unser Auto abgestellt hatten, hielt noch ein Schwätzchen mit uns. Er freute sich sichtlich über Besuch, vor allem aber über unsere Hunde, die er auch direkt zu sich einlud. Gestärkt von dieser netten Willkommensenergie stiefelten wir los.



Up and down

Die Route war recht anspruchsvoll, es lagen einige Höhenmeter vor uns. Andauernd ging es rauf und wieder runter. Somit konnten sich aber auch einige wunderschöne Landschaftsbilder zeigen, die sich noch jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, vor meinem inneren Auge zeigen. Ein Gefühl wie im Urlaub, in der Nähe der Alpen, obwohl wir nur eine Stunde von unserer Heimat entfernt waren.



Pause

Die Mittagspause machten wir an einem kleinen Bach. Viel zu Essen hatten wir nicht dabei, da wir recht gut gefrühstückt hatten. Und auch, weil wir aus unseren vorigen Wanderungen bereits einiges gelernt hatten… gefühlte 5 Kg Picknick mitnehmen ist eben doch schwer…



Nerven behalten!

Und dann geschah es… Mitten „in the middle of nowhere“ oder am A…. der Welt, irgendwo zwischen Medendorf und Manderfeld, tief unten in einem kleinen Tal mitten im Wald, da wo kein Internet, kein Telefonnetz dich erreicht, sticht mich eine blöde Hornisse mitten ins Gesicht! Jetzt bloß keine Panik! Und vor allem bloß keinen Kreislaufkollaps oder sogar einen allergischen Schock! Keine Ahnung, ob ich allergisch bin, ist schließlich mein erster Hornissenstich! Julie kommt angerast und saugt mir erstmal die Stelle vom Stich aus. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass mein Kopf irgendwie anschwillt, und ich in einem Helikopter sitze, der mich vom Boden abhebt. Der Schmerz zieht sich bis hinter meine Ohren und rauf über den Kopf bis fast hinten zum Nacken. Was machen? Kein Netz, keine Medikamente, kein Haus, keine Menschenseele in Sicht, nur Bäume…. Durchatmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Ein Aus. Was wissen wir? Was haben wir dabei? Es gibt immer eine Lösung! Durchatmen. Ein. Aus. Ein…. „Ich habe eine Idee!“ ruft Julie, und schon springt sie auf und kramt in ihrem Rucksack. „Wir brauchen Hitze! Das Gift ist nicht hitzebeständig! Hier, meine Thermoskanne mit Tee, halte sie offen dagegen, dann steigt der heiße Dampf auf und neutralisiert das Gift!“ Brilliant! Gesagt, getan. So sitze ich eine gefühlte Ewigkeit auf meinem Baumstumpf, die Stirn über der dampfenden Thermoskanne. Ich genieße das Gefühl, meinen Kopf wieder zurückzugewinnen, und schlussendlich auch wieder aus dem Helikopter auszusteigen, und die Füße auf die Erde zu setzen. Der Schmerz lässt nach, und mit ihm auch die Schwellung. Der zerstampfte Spitzwegerich, den wir unter den Mützenrand legen beruhigt das aufflammende Pochen und Stechen. Puuuhhh… geschafft! Ich kann wieder durchatmen! Die Route kann weiter gehen!


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erste Hilfe im Wald - Ogara passt auf mich auf

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mit einem leicht geschwollenen Auge davon gekommen


Glück gehabt

Euphorisch vom Bestehen unseres gefährlichen und gar lebensbedrohlichen Abenteuers mitten in der Wildnis (gut, es ist zwar etwas übertrieben, aber für uns fühlte es sich irgendwie so an…!) zogen wir erheitert weiter. Manchmal denke ich, dass es bestimmt ein leicht drogenähnlicher Zustand war. Ich war immer noch benebelt und stand belustigt neben mir. Vor lauter Stress und schließlich auch vor Glück, hatte mein Hirn gerade ein Feuerwerk mit Botenstoffen hinter sich. Ich hüpfte fast vergnügt durch den Wald. Ich konnte zwar einen Fuß vor den anderen setzen, musste jedoch immer wieder genau meine Schritte überwachen, da ich vor lauter Kopf in den Wolken, die Wurzeln am Boden nicht sah und strauchelte!


Spontanerweise, oder eher gesagt aus einer weiteren Not heraus, wir hatten uns tatsächlich verlaufen… besuchten wir einen uns bekannten Landwirten. Bei ihm wollten wir verschnaufen, Leckereien kaufen, quatschen, und schließlich um ortskundige Nachhilfe in Sachen Orientierung bitten. „Wie weit ist es denn noch von hier bis zu unserem Auto?“ fragten wir David. Die Rückfrage „wo steht euer Auto denn?“ war logisch, brachte uns jedoch völlig aus der Fassung… Ja, wo steht es denn? Hier auf der RoutenApp war es am Knotenpunkt 48, oder doch eher bei 92? Nein, 90 war es ich bin mir ziemlich sicher. Oder? „wie heißt denn das Dorf wo ihr wart?“ kam die weitere Frage. Ah ja, das Dorf. Stimmt. „Ja, da war der nette alte Mann, der sich so über unsere Hunde gefreut hat!“ Das wussten wir Beide noch. Aber das Dorf… Eimerscheid oder Medendorf. Aber welches von beiden…?

Die Auswirkungen von meinem Hornissenstich machten sich immer noch bemerkbar. Ich war nicht in der Lage zu überlegen, und Julie irgendwie auch nicht. Vielleicht waren wir aber auch einfach nur zu tief in die Entspannung rein gegangen, wer weiß, wer weiß… Jedenfalls musste jetzt eine Lösung her. Mein Körper meldete mir, dass ich für heute genug Output hatte, und eine Pause brauchte.


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endlich wieder da!

Zum Glück sind Eifler nette Menschen, und David ist ein ganz besonders netter Mensch. Er hat uns und unsere 3 schmutzigen Hunde lächelnd in sein sauberes Auto gepackt und ist mit uns unser Auto suchen gefahren. Das hätten wir ohne ihn nie gefunden!



Der Weg ist das Ziel...


Dank dieser spontanen Änderung in unserer Route waren wir erst zu David gekommen, und hatten bei ihm leckeren Honig direkt vom lokalen Imker gekauft. Dank diesem Hornissenstich hatten wir bereits Einiges zu Lachen gehabt, und Dank dieses Insektes hatten wir uns ja auch erst verlaufen… Oder war der erste Schritt für dieses verzaubernde Chaos bereits heute Morgen bei diesem netten älteren Herren in diesem 5 Seelen Dorf gemacht worden? Wer weiß das schon? Und ist das wichtig? Wir jedenfalls waren glücklich. Und wir sollten noch glücklicher werden, der Tag war noch nicht zu Ende. Unterwegs, bevor die Hornisse kam und uns vom rechten Weg abhielt, hatten wir Elena und Tom angerufen, zwei weitere Landwirte in dieser Gegend. Wir wollten uns auch dort mit selbst gemachten regionalen Leckereien eindecken. Wir kannten die Beiden und ihre Produkte bereits, und wussten, dass es sich lohnt. Nun, da wir unser treues Auto wieder hatten, konnten wir die Entfernung locker zurücklegen, ohne weitere Anstrengung und Strapazen. Der Magen leer, die Augen groß. Somit war unser Portemonnaie schnell leer, und der Korb schnell voll mit Hartkäse, Büffelquark, Kräuterkäse und Camembert. Wir freuten uns jetzt schon auf das feudale Frühstück, dass uns am kommenden Morgen erwartete! Proteine von Kuh und Wasserbüffel, verfeinert mit einer feinen Note natürlichem goldenen Zucker, dem Honig von David. Hhhmmm lecker!





Last but not least...

Der krönende Abschluss dieses wundervollen Tages war wieder herbeigerufen durch einen weiteren netten Zufall. Elena war etwas im Verzug, die muhenden Damen sollten gemolken werden, standen jedoch aber noch gemütlich kauend auf der Weide. „Habt ihr Lust uns beim Kühe eintreiben zu helfen?“ war somit ihre Frage und zugleich Bitte an uns. Aber sowas von! Mein Stich war somit direkt Schnee von gestern, unsere Muskeln fühlten sich sofort wieder frisch an und der aufsteigende Hunger war vorerst wie weggeblasen. Dieses Event wollten wir uns nicht nehmen lassen! Rein in Elenas Auto, ab zur Kuh Wiese und raus ins Abenteuer! Es war herrlich! Gut, Elena lächelt jetzt bestimmt, wenn sie diese Zeilen liest, beschreibe ich hier doch ihren ganz normalen Alltag! Für uns jedoch war es wieder dieses Urlaubsfeeling vom Nachmittag. Wir fühlten uns wie auf einer einsamen Alm und stapften tapfer die Hügel rauf und runter. Dabei hatten wir die gemütlichen Kühe stets im Blick. Hier und da mal eine nett anstupsen, mal ein bisschen lauter rufen, aber bloß keine Hektik, kein Geschrei. Alles mit der Ruhe, damit auch die vierbeinigen Damen nicht aus der Ruhe kommen! Absolut entspannend. Irgendwann mache ich daraus einen Stressbewältigungskurs „KUHbaden“, das neue Waldbaden… Wer weiß…



leider war auch hier das Chaos am Werk... der Akku war platt, der Film zu kurz...



Und die Moral von der Geschicht...?

Plane deine Tage nicht...


Ich könnte ewig so weiterschreiben, denn das erlaubt mir in meinen Gedanken diese schönen Stunden noch einmal zu erleben. Noch einmal abtauchen in diese Entspannung, dieses Feuerwerk. Doch irgendwann war auch dieses Wochenende zu Ende, und somit endet auch dieser Text. Doch eines möchte ich euch noch sagen: traut euch planlos zu sein! Traut euch Lücken für Überraschungen entstehen zu lassen! Traut euch, euch auf das einzulassen, was sich gerade mal so ergibt. Seid flexibel und bunt! Denn dann ist auch euer Leben bunt! Und bunt ist eine schöne Farbe!





Wissenswertes: dies und das

Gewanderte Strecke:

Eimerscheid – Medendorf – Herresbach

in Ostblegien, Belgien

ca 15-17 Km, anspruchsvoll, viele Höhenmeter 4 bis 5 Stunden

Wald, Wiesen, Wasser

ACHTUNG zeitweise kein Netz, kein Internet, Route offline abspeichern!


App:

Knotenpunkt App "Go Ostbelgien"

GO Ostbelgien – Apps bei Google Play


Landwirt:innen

David und Martin Meyer in Herresbach (2) David Meyer | Facebook

Elena und Simone Theissen in Manderfeld „Biohof Theissen“ (2) Biohof Theissen | Facebook

Tom Löfgen in Honsfeld, "Eifel-Büffel“ (2) Eifel-Büffel | Facebook


Fotos: Julie Meyer Hergenrath, Belgien (2) Lucky Lieju | Facebook

Text: Kerstin Haag, Hergenrath Belgien www.kerstin-haag.be