• Blickwechsel

mehr als nur einen Fuß vor den anderen setzen


Aufbruch...


Was einpacken?

Bloß nicht zu viel... Aber auch nicht zu wenig! Vor allem nicht verhungern müssen! Ich bin echt nicht zu genießen, wenn mein Magen sich meldet! Und essen ist nun eben mal absolut unverzichtbar für mich. Und jetzt meine ich nicht einfach nur das bloße Stillen meines Hungers mit Nahrung. Nein, ich mein Appetitliches genießen, verschiedene Geschmäcker kredenzen. Sich den Gaumenschmaus auf der Zunge zergehen lassen. Ich esse gerne! Das liegt bei uns in der Familie. Ich treffe mich gerne zum Essen mit Freunden, und lade auch gerne zum Essen ein. Essen ist Genuss und Geselligkeit. Essen ist Bedürfnisse stillen und Entspannung. Essen ist leben! Und jetzt wollte ich eben auch leben! Und zwar mit all meinen Sinnen! Ich wollte mir ein Wochenende fern jeglicher Reizüberflutung gönnen. Ein Wochenende in einer Umgebung und nur mit Menschen, in deren Nähe ich meine Sinne komplett öffnen und entfalten kann. Wie ein “sich rein waschen” ein Baden, ja, ein Wald- oder Naturbaden. Ich war bereit!

Julie und ich waren sich da zum Glück einig. Unser so war unser beider Rucksack beinah gleich schwer. Beladen mit gefühlten 10 kg feinster Appetithäppchen. Auch, wenn es nur zwei Tage waren, es fühlte sich nicht so an! Das Wetter schien unbeständig, also mussten auch für den Notfall Wechselklamotten mit. Mit nassen Sachen durch die Kälte marschieren, das wollten wir sicherlich nicht! Selbst Reserveschuhe hatten wir dabei. Vielleicht war es etwas übertrieben, aber das machte nichts. Je schwerer der Rucksack, umso mehr hatten wir den Eindruck, dass wir ganz ganz weit weg fahren würden, für eine ganz ganz lange Zeit...

Alles, was wir uns vorgenommen hatten, war, uns nichts vorzunehmen. Wir wussten bis kurz vorher, noch nicht einmal, wo wir wandern, ja selbst, wo wir übernachten würden. Wir wollten uns spontan auf das einlassen können, was sich einfach so ergab. Und, es ergab sich was, wie immer. Und es war wie immer genau das Richtige!




Also los!

Wir landeten in einem Ferienhaus in der belgischen Eifel. Gemütlich, mit offenem Feuer, und nicht weit von Natur und Wald entfernt. Erst morgens haben wir uns für die Marschroute entschieden. Das gab uns ein wohliges Gefühl von Freiheit. Den Eindruck zu haben, dass man nun die ganze Welt als Möglichkeit zu Füssen liegen hat, gibt einem unwahrscheinlich viel Abenteuerlust. Und das war es auch, unser erstes gemeinsames Abenteuer. Auch eine Art Feuertaufe... Für uns beide war klar, dass es mehr werden sollte, als nur ein einfaches “Ein Fuß vor den anderen setzen” und dabei die Kilometer als Trophäen sammeln. Wir wollten eintauchen und abtauchen zugleich. Wir wollten die pure Freiheit spüren, und das quasi nebenan. Das sollte uns auch gelingen. Nur eine Autostunde von zu Hause entfernt fühlten wir uns, wie im Urlaub auf einem anderen Kontinent!

Die moderne Zeit hat uns geholfen ohne viel Aufwand eine Route zu finden. Dank eines einfachen Knotenpunktsystems war selbst das Navigieren für uns Orientierungslose Abenteurer ein Klacks. Das Handy diente somit fast ausschließlich dem Fotografieren. Internet aus, Zoomer und Entspannung rein. Julie war in ihrem Element!



Tag 1: dem Stress und dem Ego davonlaufen

Der erste Tag war noch gespickt von stolzen Blicken auf die Anzahl zurückgelegter Kilometer und die Geschwindigkeit. Ja, da war es ja doch, unser Ego! Ist es aber mitgekommen! Schmunzelnd nahmen wir es in Kauf, und ließen den Dingen ihren Lauf. Ein Fuß vor den anderen, immer wieder. Rauf, runter, rechts, links, rechts, links, immer wieder... So kamen wir erst in den Schwung, dann in den Rhythmus. Unser eigener Rhythmus hatte zu Anfang noch das Sagen, doch bald übernahm der Rhythmus der Natur. Erst waren die Gespräche noch energiegeladen, doch bald ebbten sie ab. Nicht, weil wir uns nichts mehr zu sagen hatten, nein, weil wir jetzt die Umgebung sprechen ließen. Wir hörten zu, wir schauten auf, wir haben entdeckt, und wurden entdeckt. Wir haben gestaunt und gefühlt.





Tag 2: angekommen!

Der zweite Tag war nicht zu vergleichen mit dem ersten. Unser Ego, so schien es, hatten wir im Bett gelassen. Müde vom ersten Tag, an dem wir uns noch den Stress aus den Muskeln laufen mussten, war es heute morgen nicht aufgestanden. Um so besser, kamen wir doch ohne viel besser klar. Und klar ist das richtige Stichwort: alles erschien klarer in seiner Erscheinung! Die Vögel zwitscherten lauter, die Blätter raschelten klangvoller, selbst der Wind in den Bäumen summte ein leises Lied. Und dann geschah es ... Nichts! ... einen Moment lang hörten wir GAR NICHTS! Habt ihr das schonmal erlebt? Ich meine so echt und wirklich GAR NICHTS! Wir zogen uns die Mützen vom Kopf, um die Ohren nicht zu bedecken, wir wollten uns ganz sicher sein. Wir standen mitten im Wald. Die Luft war eisig, es roch nach Schnee. Und ja, es war wirklich so, wir hörten nichts! Keinen Wind, keinen Vogel, kein Rascheln, oder Ächzen, kein Knacken, keine Zivilisationsgeräusche in der Ferne, gar nichts! Wir wagten nicht zu sprechen, bewegten uns nicht, und hielten sogar den Atem an. Einen magischen Moment, den man so wie er ist, in seiner Fülle und Leere in sein Herz einschließt, in eine Schublade, auf der steht “magische Erinnerungen”.



und die Moral von der Geschicht'?

Zuwenig einpacken kann man nicht... :) Von den 10 kg Essen, haben wir rund die Hälfte wieder mit nach Hause gebracht! Unsere Kinder und ganz besonders die Männer haben sich krank gelacht, denn wie immer waren unsre Augen grösser als der Magen. Aber ich sag nur eins: sicher ist sicher!


Fotos: Julie Meyer