• Blickwechsel

Joggen kann jeder, sagte mein Ego und hechtete los!

Aktualisiert: Jan 25




Weiter - schneller - besser


Mit Ende 30 habe ich den Entschluss gefasst, endlich wieder zu joggen. Ich bin als Jugendliche schon durch den Wald gelaufen, als Ausgleich zum Studium. Damals natürlich ohne Handy, ohne Apps, die erfassen, wie weit und wie schnell oder langsam man gejoggt ist. Ich weiß noch, es fühlte sich weit, schnell und sehr sportlich an, und es hat irre viel Spaß gemacht. Aus reiner Naivität war ich der Meinung, ich könnte genau da wieder anknüpfen... Nun ja...

Ich bin also motiviert gestartet, mit neuen Schuhen, und älteren Klamotten. Erst einmal die Kirche im Dorf lassen, dachte ich mir, nicht sofort übertreiben und immens viel Geld investieren...

Gesagt getan, ab in den Wald. Die Route schon im Kopf, der Hund freudig und wie immer bereit für jegliches Abenteuer. Das Handy dabei, die neue App zum Erfassen der Route und anschließendem Auswerten schon eingeschaltet.

Die ersten Schritte beflügeln mich, die nächsten sind bereits erschwerend, und die danach geben mir den Rest! Na toll, gefühlte 500 Meter gelaufen, und schon keine Puste mehr! Ich höre mich an, wie eine Dampflock und mein Puls ist so hoch, dass ich den Eindruck habe, mein Kopf explodiert gleich. Super! Meine Motivation ist somit schon dahin, bevor es wirklich begonnen hat! Wahrscheinlich bin ich einfach zu alt, und sollte es besser sein lassen!



mein Ego läuft schneller als ich

Meine Herausforderung? Mein stärkster Gegner war mit von der Partie. Er joggte ständig neben mir, auch ohne jegliche Einladung meinerseits: mein Ego. Mein Ego will ständig mehr. Es will erfolgreich sein, gehört und gesehen werden! Es will schnell alles erreichen, um sich dann sofort der nächsten Aufgabe und Zielsetzung widmen zu können. Zeit zum Genießen ist da nicht! Ich musste immer wieder mit mir selbst ins Gespräch gehen, und mir die zu großen Stufen vor Augen halten, um nicht schon wieder an ihnen zu scheitern, so verlockend waren sie!



ein guter Rat muss her

Zu Hause angekommen, lasse ich mir das Ganze nochmal durch den Kopf gehen. Dabei fällt mein Blick auf eine Skizze an meiner Tafel, die ich für einen Klienten gemalt hatte. Und wie lautet das Sprichwort mit dem Schuster und den Schuhen? Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe? So ist es, muss ich hier auch mal zugeben! Auf dem Bild waren zwei Treppen zu sehen: eine mit großen und demnach weniger Stufen, und eine mit kleineren und dafür mehr Stufen. Die großen, hohen Stufen sind schwierig zu ersteigen, man braucht viel Kraft, manchmal sind sie so hoch, dass man sie gar nicht ohne Hilfsmittel erreicht. Oft kann man gar nicht auf sie drauf schauen, da sie so hoch sind, dass man das Gefühl hat, eine Wand vor Augen zu haben. Und ja, da war’s! Ich hatte mich wieder mal für diese Treppe mit den zu hohen Stufen entschieden! Ich wollte wieder zu schnell sein, keine Zeit verlieren! Ich wollte gewinnen, Erfolg haben, ohne Geduld! Kennen sie das auch?

Ok gut, das heißt für mich jetzt konkret, kleine erreichbare Ziele stecken! Somit käme ich auch dann zu Erfolgserlebnissen... Na, ob das mal klappt...

Als erstes habe ich Gespräche mit Freunden geführt, die schon länger joggen, und gefragt, wie sie die Anfangszeit gestaltet haben, und wie es ihnen dabei erging. Das hätte mir ehrlich gesagt auch schon früher einfallen sollen! Fazit: ihnen ist es selten anders ergangen als mir! Na, das ist mal eine Aussage! Dann kann ich es ja doch noch schaffen! Puuhh...

In der darauffolgenden Zeit habe ich also meine eigenen Ratschläge, und die meiner Jogging – Experten - Freunde, befolgt. Kleine Ziele setzen, nicht übertreiben, und schön langsam. Gehen - joggen - gehen - joggen - gehen .... Dabei die Atmung nicht zu schnell werden lassen. Mit der Zeit werden die Gehsequenzen kürzer, und die Laufsequenzen länger. Also los!



Geduld zahlt sich aus

Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Ehrlich gesagt, waren es 2 Jahre. Erst dann konnte ich sagen, dass ich fähig war, eine Stunde lang zu joggen, ohne mich dabei zu überfordern, aber doch so weit zu fordern, dass ich meine Grenzen ständig erweitern konnte. Eine lange Zeit, in der ich sehr viel Geduld mit mir selbst haben musste. Eine Zeit, in der ich immer wieder Schritte nach vorne machte, es aber durchaus auch hier und da kleine Schritte zurück ging. Eine Zeit, die sich aber absolut gelohnt hat, denn ich habe wieder immens viel über mich selbst gelernt. Eine Zeit, die ich nicht mehr missen möchte, denn ich kann jetzt Kraft aus ihr schöpfen. Joggen ist wieder zu einem wertvollen Ausgleich für mich geworden, denn mein Ego und ich, wir laufen nun Hand in Hand. Und meine Alltagslasten, wie Frust, Ärger, Wut oder Trauer, die hängen wir locker dabei ab!


Fotos: pexels Daniel Reche, Wixstatic