• Blickwechsel

Meine Mütze, Corona und ich

Aktualisiert: Jan 25


- mein Erlebnisbericht - 

Angst und Stress haben noch nie geholfen

Eine Mütze kann durchaus praktisch sein, und meine Familie weiß, wie sehr ich praktische Dinge schätze, denn sie erleichtern einem in so manchen Situationen das Leben. So hat auch meine Mütze auf ihre Art und Weise mir durch diese Zeit geholfen. Und, jetzt meine ich nicht nur, dass sie mir den Kopf gewärmt hat...

Ich hatte den Eindruck, dass diese Kopfschmerzen ausgelöst worden waren durch einen strammen Marsch im Herbstwald. Verschwitzt zwischen “mir ist zu kalt – mir ist zu warm”, konnte ich mich nicht so recht entscheiden, ob ich eben meine Mütze lieber an- oder auslassen soll. Nun ja, meine Oma dreht sich jetzt im Grab um, und all die Helikoptermütter höre ich schon schimpfen... Ja, ich habe immer wieder meine Mütze ausgezogen, und meinen verschwitzten überhitzen Kopf an der frischen und kühlen Luft gelassen. Bis... ja, bis mir dann dort oben am Haupt wieder zu kalt wurde... War ich deswegen krank geworden? Keine Ahnung...

Jetzt war ich krank. Ich hatte Fieber und Kopfschmerzen. Jetzt war mir auf jeden Fall wohler, wenn ich meine Mütze am Kopf behielt. Doch der eigentliche Grund, warum ich sie nicht ausziehen wollte, war folgender: sie hielt meine Gedanken beisammen, gingen sie doch ab und zu mit mir durch. Und außerdem, und das war mir das Wichtigste, konnte ich sie mir über Ohren und Augen ziehen, wenn ich von der Welt da draußen nichts mehr hören oder sehen wollte! Und das war zwischendurch bitter nötig...




“Ich bin nur krank, es ist gar nicht so schlimm!”

Ich wagte mich kaum diesen Satz auszusprechen, es als Nachricht in Worte zu verfassen, und zu verschicken... Denn diese Aussage beinhaltet die Möglichkeit, den Ernst der aktuellen Lage verharmlosen zu wollen... Doch ist es das, was dieser Satz wirklich sagen will? Ist es nicht einfach nur das, was es ist: Eine Aussage, die sich auf den momentanen Zustand einer einzelnen Person betrifft, nämlich mich. Ich bin zwar richtig krank, aber so schlimm wie im Fernsehen ist es nicht! Fast alle begegneten mir mit Angst. Wenn es nicht die Angst um mich war, dann die Angst um die eigene Person, das eigene Leben, das eigene Überleben, oder, die eigene Existenz. “Was wäre, mit meiner Gesundheit, wenn ich diese Krankheit hätte, was wäre wenn ich in meinem Job so lange ausfallen würde...? Muss sie ins Krankenhaus, kriegt sie noch Luft? Mein Gott, hoffentlich schafft sie das... Hoffentlich steckt sie ihre Familie nicht an...!” Gedanken, die viele immer wieder dazu brachten, mir nervös mitzuteilen, dass sie an mich denken, mich dabei aber eben auch wie nebenbei ausfragten über meinen Zustand, die Art der Übertragung, des weiteren Verlaufes, mich wissen ließen, woran man nun alles denken muss, was man beachten muss... “Stimmt, habe ich auch alles richtig gemacht? Habe ich an alles gedacht? Habe ich auch in jeder Sekunde brav an das Wohl der gesamten Welt gedacht, die ich ja auch schützen muss? Ich... Ich? Ja ich komme erst danach dran, wann auch immer das ist... Meine Familie? Keine Ahnung, wann ich an sie denken soll und darf, das alles steht hier in den Leitfäden den FAQ’s für Corona nirgendwo beschrieben.”

Isolieren soll ich mich, das wäre gut für meine Kinder und meinen Mann. Aha.. und was ist mit meinen und ihren Ängsten? Wer kümmert sich dann? Etwa die Stimme, die durch die Wand dringt...? Hoffentlich schaffen es meine Zuversicht und meine Liebe dann auch bis auf die andere Seite der Türe: “Mir geht es gut, nein, nicht wie im Fernsehen, oder im Internet, mir geht es wirklich gut.” – “Kind, ich darf dich nicht in den Arm nehmen, jetzt noch nicht, morgen auch nicht.” – “ Was fragst du? Übermorgen? Ich verstehe dich so schlecht, die Mauer ist so dick und laut reden so anstrengend...” – “ Übermorgen? Nein, dann mit Sicherheit auch noch nicht...” - “Warum du nicht zu mir rein darfst? Ja, weil ich doch krank bin!” -”Aber Mama, ich dachte, es wäre gar nicht so schlimm? Also stimmt das nicht?...”

Was für ein Zustand! Was für eine Vorstellung! Ein Szenario, dass ich eine kleine kurze Sekunde zu lang an mich herangelassen habe. Diese eine kleine Sekunde gefüllt mit diesen Bildern und Emotionen hat mich aus der Bahn geworfen. “Ich bekomme keine Luft mehr!” kalter Schweiß steht mir auf der Stirn, die Farbe weicht aus meinem Gesicht. Ich will nicht weggesperrt werden. Ich will nicht allein sein! Ich will bei meiner Familie sein! “Wir lassen dich nicht allein, wir stehen das gemeinsam durch, mit dir! Wir sind eine Familie! Das zählt, sonst nichts. Punkt!” die kühle Hand meines Mannes, die klare ruhige und bestimmte Stimme holt mich zurück. Ich schaue in seine Augen. Ruhe, Zuversicht – keine Angst. Warum auch, wovor auch, denn “Alles ist gut, ich bin nur krank, es ist gar nicht so schlimm!”


Schnell Check Up machen

Ich atme tief ein. Mein Lungenvolumen ist unverändert. Kein Grund zur Besorgnis. Mein Geruchssinn hat sich just in dem Moment, so zumindest scheint es, verabschiedet. Auch nicht schlimm, es geht zeitweise auch ohne. Den Geschmack habe ich auch verloren, wo weiß ich nicht... Gefährlich, denn auch das Geschehen da draußen schmeckt mir nicht mehr. Da draußen herrschen Angst und Panik, das sind Zutaten, mit denen ich nicht gerne koche, denn diesen Geschmack wird man nur schwer wieder los. Dieser Geschmack ist bitter und süß zugleich. Er macht süchtig, zieht dich in seinen Bann ohne, dass du es selbst merkst, und schon verlangt es dir nach mehr: mehr Bilder, mehr Informationen, mehr scheinbare Sicherheit, mehr rettende Tipps. Und jedes Bild, jede Info schmeckt bitter und süß zugleich...

Nein, da mach ich nicht mit. Zack Handy aus! Es tut mir leid, aber ich kann eure Sorgen gerade nicht tragen. Es sind eure eigenen. Ich kümmere mich darum, wenn ich mich mit meinen eigenen Sorgen wieder ausgesöhnt habe. Vielleicht melde ich mich dann, vielleicht aber auch erst später.



zwei Wochen später

Ich bin ich immer noch nicht wieder so fit, wie ich es vorher war. Zehn Kilometer laufen, das geht beim besten Willen noch nicht. Selbst spazieren gehen, auch nur zwei Kilometer, habe ich noch nicht gewagt. Mein Wald fehlt mir. Aber, das ist alles nicht so schlimm. Ich genieße die Zeit zu Hause. Ich kann endlich Dinge machen, die ich schon seit langem nicht mehr gemacht habe: ich schreibe und ich male, und... es macht Spaß!

Ich habe Zwei- drei Tage Fieber und Kopfschmerzen gehabt, etwas Schnupfen, bzw. geschwollenen Nasenschleimhäute, dadurch konnte ich manchmal nicht gut durch die Nase atmen. Meine Lunge ist frei geblieben. Das Fieber und die Kopfschmerzen waren auszuhalten. Als der Geruchs- und Geschmacksinn am 3. Oder 4. Tag weniger wurden, habe ich mich zuerst erschrocken, da ich mich eigentlich schon wieder auf dem Weg der Besserung befand, und gedacht, dass ich einen Rückfall hätte. So war es dann aber glücklicherweise nicht. Mein Appetit war leider von Anfang an weg. Ich habe pro Tag manchmal nur eine Banane gegessen, und das ungefähr eine Woche lang. Danach habe ich nochmal eine Woche gebraucht, um wieder einigermaßen meine normalen Portionen essen zu können, dann auch kam erst der Geschmacksinn wieder zurück. Die Tatsache fast nichts zu essen, ein auf Hochtouren laufendes Immunsystem, gepaart mit zwei – drei Tagen Fieber, hat mich ans Bett gefesselt. Das macht müde und schlapp. Das hält dich auch noch nach Abklingen der Symptome davon ab, für einen Marathon zu trainieren.



vier Wochen später

Spaziergänge sind mittlerweile wieder machbar. Ich habe schon letzte Woche damit begonnen. Aber... langsam und nicht zu weit. Lieber klein anfangen und sich mit und mit steigern. Jetzt bloß keine körperlichen Grenzen voller Ungeduld übergehen!

Anfangs musste ich noch husten, wenn ich meine Lungen einmal komplett mit Sauerstoff füllte. Eigenartiges Gefühl, so als ob die tiefsten Lungenbläschen verkrampft seien, so als ob ich sie mit diesem kräftigen Atemzug aktiv öffne, woraufhin sie sich sogleich wieder schließen wollen, und dabei eben diesen Hustenreflex auslösen. Das komische dabei ist, dass ich in der ganzen Zeit, in der ich fiebrig war, und auch danach, immer eine freie Lunge hatte.

Ich habe dieses bewusste tiefe Atmen im Freien, im Wald, bei jedem Spaziergang mehrmals vollzogen, einfach weil es gut tat. Solange ich diese Beklemmung dabei gespürt habe, war das ein Zeichen für mich, dass ich meine Anstrengung immer noch nicht steigern darf, dass ich immer noch meinen Puls und meine Atmung nicht hoch kommen lassen darf. Also weiterhin schön langsam und nicht übertreiben...

Und, was soll ich sagen? Ja, jeden Tag ging es besser, der Hustenreflex nahm ab.


sechs Wochen später

Nun, nach 6 Wochen, kann ich wieder normal und voll durchatmen! Aber bis ich wieder jogge, werden wohl noch ein paar Wochen vergehen. Nicht schlimm, denn, was sind schon ein paar Wochen in einem ganzen Leben...?



neun Wochen später

Juchhuhh!!! Ich bin zum ersten Mal wieder gejoggt!! Es hat riesen Spass gemacht! Allerdings bin ich natürlich eine kleine Runde gelaufen, und wiederum, du ahnst es schon, schön langsam, nicht übertreiben!



und die Moral von der Geschicht'? - Erschrecke deinen Nächsten nicht!

Ich habe das Glück, zu den Menschen zu gehören, bei denen die Krankheit glimpflich verlaufen ist. Ich war krank, aber so schlimm wie im Fernsehen war es nicht. Meine Geschichte gehört aber auch zu den Geschichten, die im Moment kaum bis gar nicht niedergeschrieben werden.

Warum? Lohnt es sich nicht über positive Dinge zu berichten, von ihnen zu lesen, zu hören? Ist es nicht schön, macht es nicht Mut, zu hören, dass es auch eben mal NICHT dramatisch verläuft?

Oder sind wir, die Leser, die Zuschauer und -hörer, zu sensationsgeil, und nur darauf raus, Dramen und Katastrophen aus den Nachrichten zu filtern?

Liegt es an der Angst, die mittlerweile schon in uns umgeht, die uns Scheuklappen aufsetzt, und die uns dazu bringt, den Fokus einzuengen und alles andere einfach nicht mehr wahrzunehmen?


Fragen über Fragen, auf die ich heute noch keine Antwort habe, morgen wahrscheinlich auch nicht, und vielleicht nie.


Ich wünsche mir, dass weiterhin Fragen gestellt werden, die Antworten durchleuchtet und kritisch und offen betrachtet werden.

Ich wünsche mir, dass etwas gegen diese Angst und Panik unternommen wird, und nicht nur gegen das Virus. Denn die Angst ist durchaus eine Begleiterscheinung dieser Krankheit. Angst hemmt das Immunsystem, Angst löst Stress aus und kann dadurch die Atemwege verengen, Panikattacken auslösen. Wussten sie das?

Und ich wünsche mir, dass auch solche positiven Geschichten die Menschen da draußen erreichen. Dass diese Erzählungen ihnen Mut machen, ihnen Kraft geben, damit sie nicht auch irgendwann in die Lage kommen, eine Mütze über den Kopf ziehen zu müssen!



Fotos: Julie Meyer - Hergenrath Belgien